Ausgabe #1/2012

„Es sollte auch Spaß machen.“

Birgit Rothenberg, promovierte Diplom-Pädagogin, Beraterin für behinderte Studierende an der Uni Dortmund und Lehrende im Bereich Disability Studies, Vorstandsmitglied des Dortmunder Vereins „MOBILE – Selbstbestimmtes Leben Behinderter e.V.“ sowie Moderatorin des Dortmunder behindertenpolitischen „Aktionskreises“ erzählt von den Anfängen der Behindertenbewegung in Westdeutschland.

Fit for Fun

Sie trägt eine randlose Brille und ist so 50 plus. „Ich bin die Rita. Sie haben einen Termin bei mir.“, sagte sie und führt mich in einen schmalen Raum mit einer Liege und einer Topfpflanze. Vorhänge verhängen die Fenster, das gedimmte Licht hält die Außenwelt auf Abstand. „Polio, oder?“, fragt sie mit Kennerinnenblick, nachdem ich meinen Pullover ausgezogen habe. „Nee, Glasknochen“, kontere ich lässig.

Infokasten

Das Projekt „Frauenbeauftragte in Einrichtungen“ von 2009 bis 2011 vierzehn Frauen mit Lernschwierigkeiten aus Werkstätten und Wohnheimen aus ganz Deutschland aus, als Ansprechpersonen für Frauen in ihren Einrichtungen zu fungieren. Träger des von Bundesfrauenministerium geförderten Projekts war der Verein Weibernetz e.V. in Zusammenarbeit mit dem Verein Mensch zuerst – Netzwerk People First e.V. Dessen Mitglieder sind selbst von so genannter „Geistigen Behinderung“ betroffen, lehnen diesen Begriff aber ab und bevorzugen den Ausdruck „Menschen mit Lernschwierigkeiten“.

Übersehene Gewalt

Dass sie häufig Opfer von Gewalt und sexualisierter Gewalt werden haben behinderte Frauen schon vor Jahrzehnten publik gemacht – doch interessiert hat das nur wenige. Eine aktuelle Studie der Universität Bielefeld offenbart erst jetzt das ganze Ausmaß der Gewalt.

Die Eiterbeule

Ich erinnere mich, dass ich mit Jana in Berlin war, als der Anruf kam. Seit einem Jahr waren wir sehr oft hier – so oft, dass es in der Kommune auf dem Land in Thüringen, wo wir eigentlich wohnten, gelegentlich schon schlechte Stimmung gab deswegen. Wir hatten uns bei einem Freund eingemietet – 100 Mark für eines der drei Zimmer seiner Wohnung im Hochpaterre direkt am U-Bahnhof. Es hatte kaum mehr als 10 Quadratmeter und lag zur Straße hinaus. Vom Bahnsteig der Hochbahn konnte man direkt in unser Bett sehen.

Paradiese

Im August 1987 erhielt der RIAS, der Sender der amerikanischen Militärverwaltung in Westberlin, den Text eines behinderten DDR-Bürgers, der die Eindrücke einer Reise in den Westsektor der Stadt schildert. Mondkalb dokumentiert eine leicht gekürzte Abschrift der Sendung.

Erinnerung an den Kranken- und Behindertenmord in Ost und West

Während des Nationalsozialismus wurden in Deutschland mehr als 200.000 Kranke und Behinderte ermordet. In beiden deutschen Staaten verlief die juristische Ahndung schleppend und die historische Erforschung langsam. Sie wurde in DDR und BRD von nur einigen wenigen ProtagonistInnen vorangetrieben. Viele der Täter blieben in beiden Staaten straffrei.

Tante Marianne

Zwischen Februar und Mai diesen Jahres war das Bild „Tante Marianne“ von Gerhard Richter für einige Wochen in Berlin zu sehen. Das 120×130 cm große, in schwarz-weiß gehaltene Ölgemälde zeigt ein junges Mädchen, das an einem Wickeltisch steht und einen Säugling hält. Das Bild ist, für Richter typisch, eine extrem naturalistische Kopie einer fotografischen Vorlage, die allerdings verwischt und eigenartig unscharf erscheint. Das Bild zeigt Richters Tante, Marianne Schönfelder. Die zum Zeitpunkt des Entstehens der Fotografie 14-Jährige erkrankte einige Jahre später an Schizophrenie.

Mondkalb Verbrauchertip

Redaktionsönologe Matthias Vernaldi rät: „Nicht nur guter Wein muss atmen! Gerade preiswertere Tropfen, unter 1,50 Euro pro Liter stellen manchmal nicht nur eine gustatorische, sondern auch eine olfaktorische Belastung dar. Deswegen sollte immer für eine gute Belüftung gesorgt werden.“

Alle reden über Inklusion, wir auch!

Inklusion ist wenn:
– ein Attentat auf Wolfgang Schäuble verübt wird,
– nicht jede/r entführte Deutsche gerettet wird,
– es keine Behindertenparkplätze mehr gibt,
– die Rollifahrer_innen den Obdachslosen das Kleingeld reichen.
– wenn auch Rollstuhlfahrer_innen früh auf den Beinen sind (um Standup-Comedy machen)

AUS.SCHLUSS!

Wer stand nicht schon mal vor dem Problem, keine Ahnung zu haben? Und gleichzeitig alles richtig machen zu wollen… Eine kleine Broschüre schafft Abhilfe, wenigstens für den Bereich Barrierefreiheit.

Infokasten

Die Gleichheit aller Menschen bedeutete in „real existierenden Sozialismus“ der DDR soziale Gerechtigkeit, das Recht auf Arbeit, auf Bildung, auf Wohnung – bedeutete soziale Sicherheit. So hörten und lasen wir es jedenfalls fast täglich. Heute – seitdem wir uns im Dschungel der westlichen Lebensart zurechtfinden müssen – fehlt uns auf diese Sicherheit.

Infokasten

Problematisch war, dass offiziell alles so dargestellt worden war, als ob die Probleme bereits gelöst seien. Wenn von der Einweihung einiger behindertengerechte Wohnungen berichtet wurde, waren so, als ob damit alle Wohnungsfragen für Menschen mit Behinderungen schon gelöst seien.

Ähnliche Systeme

Petra Stephan ist Mitgründerin des Berliner Zentrums für Selbstbestimmtes Leben (BZSL) und Dozentin am Institut für Medizinische Psychologie an der Charité. Im Interview mit mondkalb berichtet sie über Behindertenpolitik und Medizin in Ost und West.

Von der Fürsorge zur Selbstbestimmung

Weil sie den Anblick einer Gruppe behinderter Menschen an ihrem Urlaubsort hatte ertragen müssen, hatte eine Frau gegen ihren Reiseveranstalter geklagt. Mit Erfolg: Das Frankfurter Landgericht sprach ihr im Februar 1980 Schadensersatz zu. Gemeinsam mit den Behinderten den Speisesaal benutzen zu müssen sei unzumutbar, heißt es in der Urteilsbegründung: „Es ist nicht zu verkennen, dass eine Gruppe von Schwerbehinderten bei empfindsamen Menschen eine Beeinträchtigung des Urlaubsgenusses darstellen kann.“

Opferecke

Wie immer behandeln wir in dieser Rubrik Fragen zum Komplex Behinderung, die sich die geneigte Leserschaft gelegentlich stellt, die sie sich aber nie getrauen würde auszusprechen. Unsere heutige Frage lautet: Dürfen sich Behinderte umbringen?

Die Glöcknerin packt aus

Auf Seite 1 steigt das Mondkalb gewohnheitsmäßig hinab in die Niederungen von Liebe und Sex. In diesem Tiefland steht der behinderte Körper vor besonderen Herausforderungen, denn „behindert“ ist den meisten das Gegenteil von sexy. Und wenn’s dann doch zur Sache geht, müssen vielleicht erst Klamotten umständlich ausgezogen, Gliedmaßen hingelegt, Urinbeutel gewechselt werden. Totaler Erotikkiller!

Die Antidiskriminierungsfalle

Es ist schon sehr lange her, als man beim Trampen mit dem Rollstuhl von leeren LKWs mitgenommen wurde; heute kann man nicht einmal mehr spontan die Bahn nutzen.