Die Glöcknerin packt aus

Auf Seite 1 steigt das Mondkalb gewohnheitsmäßig hinab in die Niederungen von Liebe und Sex. In diesem Tiefland steht der behinderte Körper vor besonderen Herausforderungen, denn „behindert“ ist den meisten das Gegenteil von sexy. Und wenn’s dann doch zur Sache geht, müssen vielleicht erst Klamotten umständlich ausgezogen, Gliedmaßen hingelegt, Urinbeutel gewechselt werden. Totaler Erotikkiller! Unsere neue Kolumnistin, sieht das anders. Bucklig, sehr schwerhörig, krummbeinig und im fortgeschrittenen Alter hält sie zum Theater der Körpernormierungen gerne Abstand. Zuweilen aber steigt sie hinab von ihrem Glockenturm, denn auch sie hat manchmal Lust auf eine Affaire – vorerst hetero, aber wer weiß was später noch kommt, vielleicht im Seniorinnenalter.
Für sie als egomanische Narzisstin sind Frauen mit Behinderungen der Knaller im Bett. Nichts, findet sie, müsste für Männer eine größere erotische Verheißung sein als Krückstöcke, Prothesen und Rollstuhlräder an und unter einer Frau. Dass viele Männer behinderte Frauen dennoch beharrlich als asexuelle Neutren wahrnehmen, ist ihr ein Rätsel. Sie schießt gern mal über das Ziel hinaus, verallgemeinernd und unsachlich polemisch – auch in der Hinsicht ist sie halt behindert. Schließlich schreibt sie ja für mondkalb. Unseren Lesern wollen wir Ihren Brandbrief an die Männer nicht vorenthalten. Schließlich will sie ja nur deren Bestes.
„Besser ne Taube auf dem Dach als ne Blinde im Bett’ lautet ein alter Schenkelklopfer aus dem Hause Herrenwitz. Ach, Typen, Ihr seid Euch so sicher: Eine behinderte Frau im Bett, das wär’ der ultimative Anschlag auf Eure Männlichkeit. Schließlich adelt erst eine gut aussehende Blonde mit langen Haaren und Beinen sowie ausreichender Oberweite Euren stets fragilen Sozialstatus, hin zum soliden Abräumer in der Arena des Testosterons. Und reicht es nicht zur langbeinigen Blonden, dann bitte mindestens eine mütterliche Braunhaarige, die sich um Euch kümmern kann, wenn ihr Euch in der bösen Konkurrenzwelt Blessuren zugezogen habt. Eine Frau mit angeschlagener Physis? Eine mit ohne Gliedmaßen? Oder die irgendwas nicht kann? Geht gar nicht, denn schließlich kann Mann selbst einiges ja nicht: Kinder kriegen zum Beispiel, Empathie oder wie das heißt, und manchmal geht auch Gut-Aussehen nicht so richtig (Bierbauch, Haarausfall).
Nee, da muss schon ne funktionierende Frau ran, ne „echte“ Frau halt. Wie sähe das denn auch aus: Mann, in den besten Jahren, schiebt Rollstuhl? Ist der jetzt Krankenpfleger oder was? Jetzt irgendwie Weichei geworden? Oder…steht der etwa besonders drauf, ist der vielleicht selbst nicht normal? Naja, jedenfalls hat der wohl keine andere abgekriegt. Oder er ist ein Heiliger. Aber Mutti würde das auch nicht gutheißen: Wer soll denn da den Haushalt machen!
Ach, wenn Ihr nur wüsstet. Ihr verpasst da einiges. Lustige soziale Situationen, gut ausgebildete, schlaue Gesprächspartnerinnen. Und erst deren Kreativität im Bett: Nie wieder diese langweilige Missionarsstellung mit dem ewiggleichen Rein-Raus, statt dessen interessante Erweiterungen Eures Repertoires. Aktiv-passiv wird neu definiert. Allein schon dadurch, dass manche behinderte Frau körperlich nicht anders als passiv kann, aber dabei so gewöhnt ist an die Kommunikation über ihre Bedürfnisse, dass sie Euch – sehr aktiv – klar sagt wie sie es gerne hätte. Oder: Ihr dürft endlich mal passiv sein, weil sie nicht unter, sondern auf Euch liegt – und dort eine Menge mit Euch veranstaltet. Euer Ansehen in der Welt der Frauen und Nichtmänner würde jedenfalls sprunghaft steigen: Endlich mal einer, der nicht nur auf die Titten guckt. Stattdessen aber habt Ihr Euer Beuteschema eingeengt auf Idealmaße und Idealfunktionen. Alles außerhalb fällt Euch gar nicht auf. Selbst wenn Ihr einen tatsächlich Flirt starten solltet, so mit Händchenhalten, tief in die Augen gucken – so lange sie Prothesen trägt, im Rollstuhl sitzt oder Spastikerin ist, merkt Ihr gar nicht, dass das ein Flirt war. Sie wird das schon richtig verstehen – als ganz tiefen Freundschaftsmoment, total innig und so. Ihr kann ich das ja sagen, sie ist eine ganz besondere Freundin. Besser als mein bester Kumpel. Und wenn sie das doch irgendwie in den falschen Hals kriegt, so mit Herzklopfen, feuchten Händen und dem ganzen Gedöns, dann war das ein Versehen, kann ja vorkommen. Ist ja nicht weiter schlimm, wir bleiben Freunde.
Schwanzträger! Macht Euch doch nicht unglücklich! Nächstes Mal lasst Ihr die Blinden und Tauben mal ein bisschen rangehen, Ihr werdet sehen, das wird ein spannender Abend.“

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Quasimoda Quantenbein

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