Abgeschminkt

Maske, Massage, Make-up. Das ist für viele Frauen der Inbegriff von Glamour
und Schönheit. Auch ich stellte mir es als etwas besonders schönes vor und
wollte es unbedingt einmal ausprobieren. Also schenkte meine Mutter mir
einen Gutschein und ich rief an, wurde der stilvollen Atmosphäre
entsprechend, schon am Telefon in Empfang genommen und bekam einen Termin
für nächste Woche angeboten. Man sagte, man freue sich auf meinen Besuch.
Auf den Rat meiner Mutter hin, rief ich noch einmal an, um meinen Rollstuhl
anzukündigen. Vielleicht musste sich die Kosmetikerin ja irgendwie auf mich
vorbereiten und dabei wäre mein Hinweis bestimmt nützlich.
Erste Reaktion: Schweigen in der Leitung. Nicht ungewöhnlich bei einer Konfrontation mit meiner Behinderung, schon oft vorgekommen. Die Frau sagte, das gehe nicht. Ich fragte sie, warum. Sie fragte, ob ich aus dem Rollstuhl aussteigen und mich auf ihre Liege legen könnte. Ich verneinte, und sie sagte noch einmal, dass es dann nicht gehe. Und dann
strich sie meinen Termin aus ihrem Terminkalender und sagte, ich könne doch
einmal meiner Mutter etwas Gutes tun und den Gutschein verschenken. Auch an
jemand anderen, denn er wäre nicht an Namen gebunden.
Ich erklärte ihr, ich wolle doch nur mein Gesicht behandeln lassen; eine Maske, eine Massage, die sich nur auf diese Partie beziehen sollte und lehnte die Massage meiner Füße, die sie mir als Entschädigung anbot, ab. Ich lasse meine Füße von niemandem gerne auch nur berühren. Ich bestand auf meine Gesichtsbehandlung, machte immer wieder Vorschläge – man könne auf die Massage verzichten und nur Maske und Make-up machen, mit Rollstuhl natürlich –, aber sie bestand ebenfalls auf ihren Standpunkt, und ich beendete das Telefonat, mit einer Mischung aus Ärger und Sarkasmus im Bauch, nach zwanzigminütiger Diskussion.

An nächsten Tag, als ich eigentlich den gestrichenen Termin gehabt hätte, stand ich bei ihr vor der Tür, um mein Geld für eine Serviceleistung zurückzufordern, die ich nicht bekam. Meine Begleitung klopfte an die Tür. Nach ein paar Minuten kam eine weißgekleidete Frau zu mir und fragte, was ich hier wolle, im Rollstuhl. Mein Termin wäre schon besetzt und außerdem ja schon gestrichen worden.
Sie trug auch noch einen weißen Mundschutz. Wahrscheinlich behandelte sie gerade drinnen eine Kundin – und blieb in der Tür stehen.
Ich erklärte ihr, dass ich mein Geld zurückhaben wollte, da sie mich ja
nicht behandeln wollte oder könnte. Sofort spürte ich Unsicherheit und Angst bei dem Menschen hinter dem Mundschutz, der Schwierigkeiten hatte, mich anzusehen. Die Frau sah meine Begleitung an und sagte, man hätte sie doch vorbereiten müssen.
Ich erklärte ihr unter größter Anstrengung, die Fassung zu bewahren, ich hätte ihr gestern am Telefon verschiedene Vorschläge gemacht, die sie alle abgelehnt hätte. Und jetzt wolle ich einfach nur noch mein Geld zurückhaben.
Sie sagte, so etwas hätte sie noch nicht erlebt und begann sich aufzuregen. Die Räume wären zu klein für einen Rollstuhl und schickte mich leicht aggressiv hinein, um mir selbst ein Bild zu machen. Ich lehnte ab und forderte noch einmal das Geld, das sie mir schließlich mit
sehr großem Widerwillen und noch größerer Unsicherheit auszahlte.
Als eine neue Kundin kam, lächelte die Kosmetikerin, nahm den Mundschutz ab und führte die Frau hinein.
Ich beschloss essen zu gehen; wenn schon nicht Wellness im Gesicht, dann
doch wenigstens Wellness für den Magen!

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Marie Gronwald

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