Dreiundvierzig und kein bisschen größer!

Mannoman, jetzt bin ich dreiundvierzig und immer noch klein wie drei. Irgendwas ist schiefgelaufen. Hab mich wohl nicht richtig angestrengt. Oder nicht genug gegessen. Das vermutete zumindest ein alter Mann einmal. Das war zu Besuch in Polen, auf dem Land, und der Mann sprach ein bisschen deutsch. Gerade so viel, um mir ein paar Tipps für’s Wachsen mit auf den Weg zu geben: Mehr fette Wurst essen! Und viel Spinat!

Die Neuköllner Jungs hier auf den Kinderfahrrädern meinten das allerdings ernst. „Wie alt bist Du? Dreiundvierzig? Und dann immer noch so klein?“ fragten sie fassungslos und ein bisschen vorwurfsvoll, als sie mich an der Treptower Straße beim Aussteigen aus dem Auto erwischten. Ja, ich geb’s ja auch zu – wäre genug Zeit gewesen, wenigstens mal die Ein-Meter-Marke zu knacken. Aber ich war bisher mit anderen Sachen beschäftigt gewesen: Schule, Abi, Studium, Arbeiten, Party, Rumhängen, Fernsehglotzen. Und vielleicht noch ein paar Sachen mehr. Da bleibt einfach keine Zeit für Zellteilung.

„Wann bist Du denn so klein geworden?“ fragten sie als nächstes. Eigentlich hätte ich ihnen die Wahrheit sagen können. Aber da muss ich immer etwas ausholen. Schließlich bin ich im Alter von fünf Jahren von Außerirdischen entführt worden. In einem Raumschiff haben die mich geschrumpft.

Damals, in den 70ern, in der niedersächsischen Prärie, in Delmenhorst-Hasport gleich bei Bremen, da war noch so wenig los – da fiel so eine Raumschifflandung gar nicht weiter auf. Die Aliens parkten ihr silbernes Gefährt geräuschlos auf dem Flachdach meines elterlichen Reihenhauses. Dann saugten sie mich durchs Dachfenster nach oben, rein in den weißgekachelten Innenraum ihres Flugobjekts. Das war ein bisschen seltsam, aber ich habe zum Glück nur noch diffuse Erinnerungen daran.

Sie waren sehr freundlich und gaben mir einen Lolli. Das fand ich super. Sie sprachen eine interessante Sprache, die ich nicht verstand. Ein bisschen Angst hatte ich dennoch, denn mit ihrem Mundschutz erinnerten sie mich an die Chirurgen, die seinerzeit meine Knochen gerade zu operieren pflegten (übrigens erfolglos). So eine Spritze kannte ich deshalb auch schon. Allerdings tat die Alien-Spritze gar nicht weh.

Während des Schrumpfungsvorganges machte es in mir drinnen irgendwie raschelraschelraschelquietschknirsch und plötzlich war ich so um die 30 cm kleiner. Eben wie eine Dreijährige. Dabei blieb’s dann auch. Vielleicht hatten die Aliens auch irgendein Anti-Wachstums-Mittel beigemischt oder was überdosiert und ich bin gar nicht selbst schuld dran, dass ich seither keine weiteren cm mehr gerissen habe.

Jedenfalls wurde mir danach ein bisschen schwummerig und ich fand mich schließlich in meinem Kinderzimmer wieder, in der Hand einen Monchichi mit Aluhut. Was das dieser Teil der Geschichte bedeuten soll weiß ich bis heute nicht.

Zurück an der Treptower Straße war mir aber die ganze Story zu lang. Ich faselte irgendwas von „bin so geboren“. Obwohl ich selten so charmant-dreiste Kinder getroffen hatte, wollte ich schnell weg aus der Situation. Vielleicht auch, weil sich zu den Kindern langsam eine kleine Traube aus Hälse reckender Erwachsener gesellt hatte.  Die waren den Kindern natürlich sehr dankbar, dass sie das mit dem Neugierige-Fragen-Stellen übernommen hatten. Aber die hätten mir die Wahrheit ja erst recht nicht geglaubt.

 

 

 

 

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Rebecca Maskos

3 Comments

  • […] Dreiundvierzig und kein bisschen größer von Rebecca Maskos auf Mondkalb – Zeitung für das o… […]

  • Antworten April 18, 2018

    Stephan Wieners

    …bleibt die Frage, was die Außerirdischen mit diesem Eingriff bezwecken wollten – vielleicht ein soziales Experiment: „Mal gucken, ob die großen Artgenossen den Kleinen auffressen oder weiter mitspielen lassen“ – man munkelt, dass sich die Außerirdischen noch kein endgültiges Bild gemacht haben…

  • […] wenn nicht der Tierarzt quiekte beim Wort Mondkalb verzückt auf? Das Ganze klingt jedenfalls nach einer tollen […]

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