Opferecke

In dieser Rubrik beantwortet die Redaktion Fragen rund um das Thema Behinderung, die Sie, geneigte Leserinnen und Leser, sich nicht zu stellen getrauen.
Um folgende drei Fragen wird es in dieser Ausgabe gehen:

– Haben Männer mit Holzbein wirklich die besseren Erektionen, weil ihnen ja dieselbe Blutmenge auf weniger Körpervolumen zur Verfügung steht?
– Können Gehörlose beten? Wenn ja: Funktioniert ihr Gebet auch bei bewölktem Himmel?
– Sind Alkoholiker behindert oder nur krank?

Also die erste Frage ist nun wirklich sehr verquer! Sie geht von irrigen Annahmen aus und bringt falsche Vorraussetzungen ins Spiel. Wir veröffentlichen sie nur, weil sie gut in den Bezugsrahmen dieser Ausgabe passt. Lässt sie sich doch mühelos dem Amelotatismusartikel zuordnen (Seite 5). Ihre Beantwortung erfordert ein umfangreiches medizinisches Spezialwissen. Glücklicherweise sind unsere Redakteure auch solchen Anforderungen gewachsen. Die Frage geht davon aus, dass unser Körper sich an die Produktion einer bestimmten Blutmenge gewöhnt hat und diese Gewohnheit beibehält, auch wenn plötzlich sehr viel weniger Blut benötigt wird. Wenn dem so wäre, müssten die meisten Amputierten an Bluthochdruck leiden. Doch unter ihnen findet sich nur eine geringe Prozentzahl mehr an Hypertonikern als unter Nichtamputierten. Und das sind – so eine Studie – psychosomatische Fälle, die derselben irrigen Grundannahme aufsitzen wie diese Frage. Der zweite Fehler ist die Idee, dass ein hoher Druck erektionsfördernd wirkt. Was sind das denn für Vorstellungen? Es handelt sich doch nicht um einen Presslufthammer! Ganz im Gegenteil – Männer mit Bluthochdruck haben häufig Erektionsstörungen. Doch selbst wenn es so wäre, würden Sie, verehrte Leserinnen, verehrte homosexuelle Leser, tatsächlich für eine bessere Erektion bei Ihrem Partner in Kauf nehmen, dass er amputiert wird?

Auch die zweite Frage ist etwas verquer: Können Gehörlose beten? Und was ist bei bewölktem Himmel?
Ihr Hintergrund erschließt sich nicht von vornherein. Das hat mit der zunehmenden Säkularisierung zu tun, in deren Folge die meisten Leser nicht mehr wissen, was ein Gebet ist. Im jüdisch-christlichen Kontext haben Gebete tatsächlich sehr viel mit Worten zu tun. Sie müssen formuliert werden, wenn auch nicht unbedingt ausgesprochen. Die richtige Haltung beim Gebet sind die gefalteten Hände. Sie symbolisieren Kontemplation und die Tatsache, dass der Betende alles von Gott erwartet. Gehörlose Menschen gebärden. Wenn sie denken, denken sie in Gebärden so wie Nichtgehörlose es in Worten tun. Wenn die Hände aber gefaltet sind, wie kann da ein Gehörloser formulieren? Die Kommunikation zwischen Gott und einem gehörlosen Frommen ist also etwas komplizierter, weniger unmittelbar, als mit einem Hörenden. Doch das ist die Kommunikation des Gehörlosen mit der Welt ja auch. Gehörlose können also beten – nur nicht laut mit gefalteten Händen. Im hinduistisch-buddhistischen Verständnis haben sie es noch schwerer. Da kommt es zum Beispiel auf Mantren an, eine bestimmte Folge von Lauten und Silben. Es ist sehr schwierig, in den Zustand der richtigen Meditation zu gelangen, wenn man die Mantren nicht vor sich hin singt und diese damit auch hört. Also, liebe Gehörlose, wenn Ihr etwas mit Gott auszuhandeln habt, wendet Euch an den richtigen. Und wenn der Himmel mal bewölkt ist, egal, Gott sieht alles.

Zu drittens: Sind Alkoholiker behindert oder nur krank?
Die Frage stellt sich überhaupt nicht. Ähnlich wie es unser Autor Carsten Rensinghoff auf Seite 11 erklärt, ist schon der Begriff Alkoholiker diskriminierend. Entsprechend den politisch korrekten Regeln der sogenannten People First Language muss es heißen „Menschen mit Alkohol“ oder besser noch: „Menschen mit einem Mangel an hirneigenen Opiaten“.

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