Gallionsfigur Quasimodo

Er gilt als Inbegriff von Hässlichkeit: Quasimodo, der Held in Victor Hugos Roman. Durch einen Buckel schrecklich deformiert, wird eines seiner Augen von einer Warze bedeckt. Das jahrelange Glockengeläut Notre Dames hat ihn taub werden lassen.
Eben dieser Quasimodo war lange Zeit Symbol der deutschen Behindertenbewegung. Sein Bild illustrierte die Titelseiten der „Krüppelzeitung“, die in den Jahren von 1979 bis 1985 insgesamt 14mal erschien. Was für eine Metapher! Ein Buckliger, der von der Brüstung herab die Nichtbehinderten mit Steinen bewirft und am Ende sogar seinen Pfleger und Erzieher umbringt… – Waren das Zeiten! Wenigstens in Westdeutschland: Die neuen Sozialen Bewegungen sorgten im Zuge der 68er Revolte für ein Aufbrechen alter Strukturen und Normen. Die Friedens- und Umweltbewegung, die Feministinnen – und eben auch die Krüppelgruppen veränderten die Bundesrepublik von Grund auf.
Allein die selbstbewusste Verwendung des Wortes „Krüppel“ empfanden viele in der Behindertenarbeit Tätige als Provokation. Die „Aktion Sorgenkind“ und andere unzählige Helfer hatten sich über Jahrzehnte hinweg für die Integration behinderter Menschen engagiert, dafür, dass aus Almosenempfängern Steuerzahler würden – auf einmal sahen sich die Wohltäter als „Unterdrücker“ beschimpft. Schlimmer noch: Die sich seit 1977 bundesweit formierenden Krüppelgruppen wollten gar nicht integriert werden. Die Gesellschaft hatte sich ihnen anzupassen, nicht umgekehrt.
Zeugnis davon geben die Ausgaben der „Krüppelzeitung“. „Jedem Krüppel seinen Knüppel!“ hieß es in dem Blatt, an dessen Gründung vor dreißig Jahren der Publizist und Behindertenpädagoge Christian Mürner und der ehemalige Redakteur Udo Sierck nun mit einer Monografie erinnern. In nicht ganz freiwilliger Komik erinnern sie sich dabei der üblichen Kinderkrankheit einer Bewegung, des Radikalismus. Denn tatsächlich wurde auch in den Krüppelgruppen die Gewaltfrage diskutiert. Der viel zu früh verstorbene Franz Christoph war es, der auf einer öffentlichen Veranstaltung mit einer Krücke auf den Bundespräsidenten Karl Carstens einschlug. Seinen Angriff erklärte er damit, dass Behinderte permanent strukturelle und auch persönliche Gewalt zu spüren bekämen; von daher sei es nur logisch, „dass manche von uns auf die Idee kommen, uns gegen die Gewalt mit ‚Gewalt’ zu wehren.“ So geschehen im UNO-Jahr der Behinderten 1981. Man stelle sich vor: Ein Anschlag auf das Staatsoberhaupt – und die Polizei nimmt vom Täter nicht einmal die Personalien auf, geschweige denn, dass eine Strafanzeige erstattet
wird! Zum Vergleich: Als Beate Klarsfeld Bundeskanzler Kiesinger seiner NS-Vergangenheit wegen ohrfeigte, verurteilten die Richter sie zu einem Jahr Gefängnis – Franz Christoph bekam Hausverbot. Die Entmündigung Behinderter betraf eben auch das Recht auf Strafe.
Zwei Jahre zuvor hatte Franz Christoph in den Niederlanden politisches Asyl beantragt, wegen „Unterdrückung als Behinderter in der Bundesrepublik.“ Der Antrag wurde abgelehnt, zum Glück, hätte es doch sonst hierzulande womöglich keine „Zeitung von Krüppeln für Krüppel“ gegeben, mit ihren fünfzig Seiten Umfang und einem dreiteilig gestaffelten Preis: Behinderte ohne Job zahlten eine Mark und mit Job zwei, wohingegen Nichtbehinderte für ihre Neugier immerhin fünf Mark zu berappen hatten. Die Preispolitik entsprach der Redaktionsphilosophie: Nichtbehinderte, vor allem solche, die in der Behindertenarbeit tätig waren, hatten sich gefälligst rauszuhalten.
Die „Krüppelzeitung“ sah ihre Aufgabe nicht in der Unterhaltung und Erbauung der Leserschaft; ihr Hauptaugenmerk galt vielmehr der Vernetzung und Verständigung der Gruppen untereinander. Endlich organisierten sich auch die „Krüppelfrauen“, so
wird im Buch eine Performance zum Frauentag geschildert, bei der sich die behinderten Aktivistinnen in Laken hüllten und Masken trugen, während vom Tonband die ewig gleichen Sätze zu hören waren: „Toll wie du das im Rollstuhl schaffst!“ oder „Ich bewundere dich, ich könnte das nicht!“
Auch wenn die Krüppelbewegung nicht gerade die Massen der Mühseligen und Beladenen erfasste, gingen doch wichtige Impulse von ihr aus. Den vielbeschworenen „Kampf um die Verfügungsgewalt der therapeutischen Instrumente“ haben sie gewonnen. Ihrem lautstarken Protest gegen die Bevormundung in den Heimen ist es zu verdanken, dass viele Behinderte heute
ihren Pflegebedarf selbst definieren, d.h. dass sie gegenüber den Pflegekräften als Arbeitgeber fungieren können. In der Debatte um Eugenik, Präventivsterilisation bei Geistigbehinderten und Genforschung haben die wenigen „Elitekrüppel“ wichtige Akzente gesetzt.
Die Stärke der Krüppelbewegung war aber zugleich ihre größte Schwäche: der Ausschluss der Nichtbehinderten aus den Gruppen und die Beschäftigung mit sich selbst. Nicht so Quasimodo, der einem anderen Menschen Zuflucht vor seinen Verfolgern bot und für diesen Menschen kämpfte. – Esmeralda war nicht behindert.

Christian Mürner, Udo Sierck, „Krüppelzeitung – Brisanz der Behindertenbewegung“, ISBN 978-3-930830-80-0, 2009, 184 Seiten, 16 EUR

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Karsten Krampitz

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