Der perfekte blaue Planet

Behinderung bedeutet in der öffentlichen und gesellschaftlichen Wahrnehmung meist Leiden, Qual und Rückschritt. Auch in den Medien werden diese Attribute häufig visuell umgesetzt, Behinderung bedeutet Nachteil, Not und beinhaltet die Notwendigkeit diese zu überwinden. Das Fantasiespektakel „Avatar“ von James Cameron zum Beispiel bewegt sich in diesen altbekannten Mustern.

Mein Assistent, der Roboter

ForscherInnen im Hilfsmittelsektor beginnen Vorträge gerne mit dem Bezug auf die Bevölkerungsentwicklung. Zum Teil werben sie dafür, „Pflegeroboter“ oder „Serviceroboter in der Pflege“ als Lösung eines auf Grund der demografischen Ent wicklung angeblich unvermeidbaren Pflegenotstand einzusetzen.

„Anlage, Power, Start!“

„Anlage… Anlage, Power… Power, Start… Start“. Das Display meiner Musikanlage springt an und die Musik erklingt. Wenig später klingelt das Telefon. Mit einem Wort unterbreche ich die Musik und gehe mit einem Zweiten ans Telefon. Wieder werden meine Worte von der Frauenstimme kopiert.

Lachen über das Andere

Im Satiremagazin Titanic wird Rattelschnecks arm- und beinloser Comic-Held „Rümpfchen“ im Lampengeschäft vergessen und als besonders verrückte neue Designerkreation bewundert. In der nächsten Folge werden wir ZeugInnen von Rümpfchens erfolglosen Schwimmversuchen im Hallenbad. Darüber lachen gemeinhin nur die ganz hartgesottenen Fans des schwarzen Humors – oder behinderte …

Das Ende einer Beziehung

Mein Vater wird blind, sagte sie. Blind? Ja, blind. Pause. Und du Arschloch schenkst ihm zu Weihnachten ein Buch! Ihre Stimme war anklagend und aggressiv. Eins mit Großdruck! sagte er. Ich hab ja nicht gewußt …

Gegen Böses mit Prothese

Comics über Superhelden sind Nachfahren von Volksmärchen und antiken Sagen. Den Volksmärchen entnehmen sie die Idee, dass Menschen ohne Macht oder Reichtum besondere Kräfte benötigen, um die großen Widrigkeiten des Lebens zu meistern.

Der Tag, an dem mein Rollstuhl fort ging

Es war stürmisch. Der Herbst wollte sich nicht länger verstecken. Höhnisch rann der Regen in senkrechten Strömen die Scheiben des ICEs herunter. Meine Laune war dementsprechend finster. Gerade hatte ich einen von diesen miesen Filterkaffees erstanden, mit denen die Bahn ihre Kunden für knapp drei Euro zu demütigen pflegt. Schräg gegenüber war so eine Businesstante schlafend mit dem Kopf auf die Zugtischplatte gesunken. Ich stellte mir die Melange ihres zerlaufenen Make-Ups auf der Laptoptastatur vor.

Mal seh‘n wohin die Reise geht.

„Einen Moment bitte, ich brauche absolute Ruhe“ sagt Reinhard Fißler. Er singt eine kurze Tonfolge ins Mikrofon, dann spricht er etwas hinein. Reinhard Fißler komponiert. Der ehemalige Sänger der Band Stern Combo Meißen arbeitet an einem neuen Song.

Wann ist der Mensch tot?

„Hast du’s im Kopf empfunden, als dich letzthin einer einen Betrüger nannte? Hat es dir im Magen wehe getan, als der Amtmann kam, dich aus dem Haus zu werfen? Und was war es, das dich getrieben hat, in die Tasche zu fahren, so oft ein Bettelmann seinen zerlumpten Hut hinstreckte? Dein Herz, auch wieder dein Herz, nicht deine Zunge, deine Arme noch deine Beine, sondern dein Herz.“ So macht der Holländer Michel in Wilhelm Hauffs Märchen „Das kalte Herz“ dem bitterarmen Kohlenmunk-Peter schmackhaft, ihm sein Herz zu geben. Das ist 150 Jahre her. Noch heute tragen wir das Herz auf dem „rechten Fleck“, verlieren oder verschenken es. In der Medizin galt der letzte Herzschlag lange als das Kennzeichen des Todes. Intensiv- und Transplantationsmedizin aber haben Tote mit schlagendem Herzen geschaffen, Hirntote.

Euer Mitleid kotzt mich an!

Ich muss es mal schreiben. Es ist undiplomatisch, ruppig und nicht gerade etwas, das man von einem Menschen hören will, der Kommunikation zum Beruf gemacht hat. Und in der Tat verstehe ich meine Arbeit als PR’ler für die Sache der blinden und sehbehinderten Menschen so, dass ich auch den Kontakt zu Mitbürgern suche, die Vorurteile gegenüber Behinderten haben. Ich habe die Hoffnung nicht verloren, ihre Vorurteile abbauen zu können. Und das werde ich auch weiter versuchen. Dennoch gibt es auch eine Wahrheit, die ich mal so klar hier formulieren muss: Euer Mitleid kotzt mich an!

Eine Karte für alles, was Räder hat

Ausgehen, Städte besichtigen, Freunde in Cafés treffen – RollstuhlfahrerInnen müssen das gut vorplanen. Sich zu vergewissern, ob Orte zugänglich sind, ist oft nervenaufreibend und schwierig. Die „Sozialhelden“, eine Berliner Gruppe sozial engagierter junger Menschen, hat für dieses Problem eine einfache Lösung gefunden. Vorausgesetzt, man verfügt über einen Online- Zugang oder noch besser ein Iphone von Apple. Denn die Webseite www.wheelmap.org soll eigentlich eine mobile Orientierungshilfe sein: Auf Online- Stadtplänen zeigt Wheelmap Infos über die Rollstuhlzugänglichkeit von Orten, die von den Nutzer- Innen selbst aktualisiert werden können. Einer der Köpfe hinter Wheelmap ist Raúl Krauthausen, Mitgründer des Vereins „Sozialhelden“. Als Rollstuhlfahrer steht er selbst täglich vor dem Problem, in Gebäude, Busse oder Bahnen nicht hineinzukommen.

Opferecke

Wie immer beantworten wir hier die wirklich peinlichen und komplizierten Fragen rings um Behinderung, die sich unsere geneigte Leserschaft schon lange stellt, aber nie auszusprechen wagt. Heute soll uns eine zunächst einmal harmlos erscheinende Frage verunsichern: Sollte man einen Menschen mit seiner Beinprothese bestatten?

Technik – Lieber tot als abhängig?

Es begann mit den Anatomen der Renaissance. Sie besorgten sich Leichen und zerschnitten sie in einzelne Teile. So konnten sie die Funktionsweisen des Körpers erkennen. Man fing an, den Menschen als Apparatur von Muskeln, Organen, Nerven und Gefäßen zu begreifen. Bereits in dieser Zeit definierte der Philosoph Descartes (1596-1650) den Leib als Mechanismus. Den Geist sah er als den Lenker dieser Körpermaschine. Es dauerte noch fast zwei Jahrhunderte, bis sich die Idee der Maschine veräußerlicht hatte und technologisch niederschlug.

Krüppel aus dem Sack

Es gäbe v i e l zu sagen über den begehrlichen Blick des Mannes. Er ist nicht zu Unrecht in Verruf geraten – in den letzten Jahrzehnten aus der feministischen und machtkritischen Ecke. Schon Jesus (der war ja auch machtkritisch) provozierte mit der Aussage, dass jeder, der eine Frau begehrlich ansähe, schon ein Ehebrecher sei – also auch all jene, die sich etwas darauf einbildeten, es nicht mit Nachbars Ruth heimlich hinterm Stall getrieben zu haben, und die es für recht und billig hielten, Ruth mit Steinen totzuwerfen, wenn diese denn mit einem Anderen hinterm Stall erwischt wurde.

„Rolling“

Wie ist es im Rollstuhl zu sitzen? Warum schauen mich die Leute an? Warum verstecken sich die Kinder? Warum lachen sie? Wie fühlt es…

Joe Monin (CC BY-ND 2.0)

Schwein gehabt

Die Maske schloss Nase und Mund gut ab. Darunter war es zu warm. Das Atmen unter der Maske fiel mir schwer, es roch nach…

Rollstuhl im Rollenspiel

Rollstühle kommen in Computerspielen vor allem in zwei Rollen vor: als Sportgerät und als Transportmittel für die ganz fiesen Gegner. Frühestes redaktionsbekanntes Game ist…

„Jetzt stimmt die Mischung!“ – Vom Beginn der Gentrifizierung

Seit 15 Jahren wohne ich hier in der Stuttgarter Straße im nördlichen Neukölln. Obwohl schon immer mit einer deutschen Staatsbürgerschaft versehen, bin ich, wie Viele hier, als Flüchtling gekommen – nicht als politischer oder wirtschaftlicher, sondern als ein Assistenzflüchtling. Ich sitze im Rollstuhl und kann mich nicht bewegen. So brauche ich immer einen, der mich kratzt, wenn‘s juckt, zur Toilette bringt, wenn‘s drückt, mich füttert, wenn mich hungert, mir beim Abhusten hilft, wenn‘s röchelt…

Nachtasyl Gorki

Alljährlich fragt sich bei den ersten Nachrichten über Kältetote eine beschämte Öffentlichkeit, was eigentlich der Staat für Obdachlose tut. Worauf die Volksvertreter gern darauf…

Berlinale Special

Ben sitzt für den Rest seines Lebens im Rollstuhl. Er ist fröhlich, intelligent und verzweifelt. Die Liebe kommt für Behinderte wie ihn nicht in…

Opferecke

Wie immer wollen wir an dieser Stelle Fragen beantworten, die sich die geneigte Leserschaft stellt, jedoch nicht den Mut hat, sie zu formulieren. Wir tun es für Sie und beantworten Sie zugleich kompetent.

Krüppel aus dem Sack

Wenn ich mich objektiv betrachte – so als Sexualobjekt – durch das Objektiv einer Kamera zum Beispiel, dann sehe ich gar nicht gut aus. Auf einer Party bin ich kaum derjenige, von dem die Schönen des Abends sagen: „Mit dem würde ich gern die nächste Nacht verbringen.“

Keine Heimat – Heim

Noch immer bilden „Behinderung“ und „Heim“ ein offensichtlich nicht zu trennendes Begriffspaar. Zwar haben sich auch Hilfeformen herausgebildet, mit denen behinderte Menschen außerhalb eines…

Zwei Tote

Seit Erscheinen der letzten Ausgabe unserer Zeitung – das ist leider über ein Jahr her – sind zwei wichtige Frauen der Behindertenbewegung gestorben, die…

So troll´n wir uns

So troll´n wir uns ganz fromm und sacht vom Weingelag und Freudenschmaus, wenn uns der Tod ruft: Gute Nacht, dein Stundenglas rinnt aus! Wer…

Der tolle Mensch

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittag eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche…

Straßenblockade

Der Mittag des 12. Mai 2009 ist sonnig. Aber es geht ein empfindlich kalter Wind. Die Passanten, die auf dem Teil der Oranienstraße in…

Schluss-Strich

Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.